Lieferantenspezifisch, hybrid, mengen- oder ausgabenbasiert: Für die Berechnung von Scope-3.1-Emissionen stehen Unternehmen unterschiedliche Methoden zur Verfügung. Welche davon sinnvoll ist, hängt vor allem von der vorhandenen Datenlage, der Relevanz der Einkaufsaktivitäten und dem Ziel der CO₂ Bilanzierung ab.
Dieser Beitrag ist der Auftakt unserer Blogreihe zum Code Gaia Scope 3.1 Blue Thread. Darin führen wir Schritt für Schritt von den fachlichen Grundlagen bis zur praktischen Umsetzung.
Inhalt
Warum die Datenlage über die Methode entscheidet
Scope 3.1 umfasst die vorgelagerten Emissionen aus eingekauften Waren und Dienstleistungen – von Rohstoffen und Bauteilen bis hin zu Beratungs- oder IT-Leistungen.
Für viele Unternehmen ist diese Kategorie besonders relevant. Gleichzeitig gehört ihre Berechnung häufig zu den aufwendigeren Teilen des Corporate Carbon Footprints: Finanzdaten sind meist vorhanden, detaillierte Mengenangaben oder produktspezifische Emissionswerte jedoch oft nur teilweise.
Die gute Nachricht: Unternehmen müssen nicht für jede Einkaufsposition von Beginn an perfekte Daten vorlegen. Das GHG Protocol sieht vier zentrale Methoden vor, die sich hinsichtlich Datengrundlage, Genauigkeit und Aufwand unterscheiden. Sie können auch parallel eingesetzt und über mehrere Berichtsperioden hinweg weiterentwickelt werden.
Grundsätzlich gilt: Je spezifischer die Daten, desto genauer kann die Berechnung werden. Gleichzeitig steigt in der Regel auch der Aufwand der Datenerhebung.
1. Lieferantenspezifische Methode
Bei der lieferantenspezifischen Methode werden Emissionsdaten direkt vom Lieferanten erhoben. Sie beziehen sich auf ein konkretes Produkt oder eine bestimmte Dienstleistung und stammen häufig aus Product Carbon Footprints, Lebenszyklusanalysen oder Environmental Product Declarations.
Da die Werte unmittelbar mit dem eingekauften Produkt verbunden sind, bietet diese Methode die höchste Genauigkeit. Sie macht zudem sichtbar, wenn Lieferanten ihre Produktionsprozesse verbessern oder emissionsärmere Materialien einsetzen. Allerdings sind solche Daten noch nicht überall verfügbar. Bei vielen Produkten und Lieferanten kann die Erhebung außerdem mit erheblichem Abstimmungsaufwand verbunden sein.
Passend, wenn: belastbare produktspezifische Emissionswerte vorliegen und eindeutig den eingekauften Mengen zugeordnet werden können.
2. Hybridmethode
Die Hybridmethode verbindet spezifische Aktivitätsdaten aus der Lieferkette mit durchschnittlichen Emissionsfaktoren. Ein Lieferant kann beispielsweise Informationen zum Material- oder Energieeinsatz bereitstellen. Für Prozessschritte, zu denen keine konkreten Daten vorliegen, werden passende Durchschnittswerte aus Datenbanken oder Studien ergänzt. So lassen sich bestehende Datenlücken schließen, ohne vollständig auf spezifische Informationen verzichten zu müssen. Die verschiedenen Datenquellen müssen dabei sauber voneinander abgegrenzt und nachvollziehbar zusammengeführt werden.
Passend, wenn: für einzelne Produktionsschritte konkrete Daten vorhanden sind, aber noch Lücken entlang der vorgelagerten Wertschöpfungskette bestehen.
3. Durchschnittsdaten-Methode
Bei der Durchschnittsdaten-Methode, auch Average-Data-Method genannt, werden physische Mengen mit durchschnittlichen Emissionsfaktoren kombiniert.
Das können beispielsweise Kilogramm, Tonnen, Stückzahlen oder Volumenangaben sein. Die jeweilige Menge wird anschließend mit einem passenden Emissionsfaktor aus einer Lebenszyklusdatenbank oder branchenspezifischen Studie multipliziert. Diese Methode eignet sich besonders für physische Waren. Da sie auf tatsächlichen Mengen statt auf Einkaufspreisen basiert, ist sie in der Regel genauer als eine rein ausgabenbasierte Berechnung. Die konkreten Produktionsbedingungen eines Lieferanten bildet sie jedoch nicht ab.
Passend, wenn: Mengen-, Gewichts-, Stückzahl- oder Volumenangaben vorliegen, aber keine spezifischen Emissionswerte vom Lieferanten verfügbar sind.
4. Ausgabenbasierte Methode
Bei der ausgabenbasierten oder Spend-Based-Method werden finanzielle Ausgaben mit einem Emissionsfaktor pro Währungseinheit multipliziert.
Die benötigten Informationen stammen meist aus der Buchhaltung oder dem ERP-System. Dazu gehören beispielsweise Lieferantenname, Kostenart, Buchungsbeschreibung, Zeitraum und Buchungswert. Da Finanzdaten in vielen Unternehmen bereits strukturiert vorliegen, ermöglicht diese Methode einen vergleichsweise schnellen und vollständigen Einstieg. Besonders bei großen Datenmengen oder zahlreichen kleineren Einkaufspositionen kann sie eine pragmatische Lösung sein.
Gleichzeitig ist die ausgabenbasierte Berechnung weniger präzise als aktivitäts- oder lieferantenspezifische Ansätze, da sie auf sektoralen Durchschnittswerten basiert und durch Preisentwicklungen beeinflusst werden kann.
Passend, wenn: Finanz- und Buchungsdaten verfügbar sind, detaillierte Mengenangaben oder produktspezifische Emissionswerte jedoch fehlen.
Welche Methode ist die richtige?
Eine einfache Orientierung bietet die Frage, welche Informationen bereits vorhanden sind:
- Liegen belastbare Emissionswerte vom Lieferanten vor, eignet sich die lieferantenspezifische Methode.
- Sind teilweise konkrete Prozess- oder Lieferantendaten verfügbar, bietet sich die Hybridmethode an.
- Gibt es Mengen-, Gewichts- oder Stückzahlangaben, ist die Durchschnittsdaten-Methode häufig sinnvoll.
- Stehen zunächst vor allem Finanzdaten zur Verfügung, ermöglicht die ausgabenbasierte Methode einen pragmatischen Einstieg.
In der Praxis wird die Antwort nicht für jede Einkaufsposition gleich ausfallen. Für ein emissionsintensives Material können bereits detaillierte Mengen- oder Lieferantendaten vorliegen, während Dienstleistungen oder kleinere Betriebsausgaben zunächst ausgabenbasiert berechnet werden.
Genau diese Kombination ist häufig der sinnvollste Weg: Unternehmen setzen dort auf detaillierte Daten, wo sie den größten Mehrwert schaffen, und nutzen für weniger relevante Positionen pragmatischere Ansätze.
Fazit: Erst Transparenz schaffen, dann genauer werden
Für die Berechnung von Scope-3.1-Emissionen gibt es nicht die eine Methode, die für alle Unternehmen und Einkaufsaktivitäten gleichermaßen geeignet ist. Statt auf perfekte Daten zu warten, lohnt sich ein strukturierter Start mit den bereits verfügbaren Informationen.
Viele Unternehmen beginnen mit einer möglichst vollständigen Übersicht ihrer Einkaufsaktivitäten auf Basis vorhandener Finanzdaten. So werden erste Emissionsschwerpunkte sichtbar. Anschließend kann geprüft werden, für welche Materialien, Produkte oder Lieferanten eine genauere Erhebung den größten Mehrwert bietet. Für diese Positionen lassen sich schrittweise Mengenangaben oder lieferantenspezifische Werte ergänzen. So entwickelt sich die Scope-3.1-Bilanz von einer ersten Näherung zu einer immer präziseren Abbildung der Emissionen in der Lieferkette, ohne dass der Aufwand zu Beginn ausufert.
Wichtig ist, die verwendeten Methoden transparent zu dokumentieren. Verändert sich die Datengrundlage, können sich auch die berechneten Emissionen verändern. Ein höherer Wert muss dabei keine negative Entwicklung bedeuten, sondern kann schlicht das Ergebnis einer genaueren und vollständigeren CO₂ Bilanzierung sein.
Im vollständigen Scope 3.1 Blue Thread finden Sie zusätzlich einen Entscheidungsbaum zur Methodenauswahl sowie eine Schritt-für-Schritt-Anleitung von der Vorbereitung der Daten bis zur praktischen Integration.





