Ein Erfahrungsbericht von Juliane Michel, Leiterin Nachhaltigkeit & Klimaschutz bei den Stadtwerken Neumünster.
Das Gespräch gibt es auch zum Anhören in unserem Code Green-Kanal auf Spotify:
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Zusammenfassung
Stadtwerke haben nicht unbedingt den Ruf, Innovationsmotoren zu sein – doch sie sind es! In Neumünster verfolgen wir das Ziel, bis 2035 klimaneutral zu sein.
Wir verbinden Energieversorgung, Mobilität, Abfallwirtschaft und Telekommunikation mit einem klaren Nachhaltigkeitsanspruch.
In diesem Beitrag möchte ich aufzeigen, wie wir kommunale Verantwortung, Science-Based Targets, Biodiversität und Mobilität zu einem ganzheitlichen Klimaplan verbinden – und warum Stadtwerke ein Schlüssel zur Transformation sind.
1. Warum Stadtwerke unterschätzt werden
Als ich vor rund drei Jahren zu den Stadtwerken Neumünster kam, haben viele gefragt: „Stadtwerke – ist das nicht etwas verstaubt?“
Meine Antwort: Ganz im Gegenteil. Kaum ein Umfeld ist so vielfältig!
Wir kümmern uns um Energie und Wärme, Telekommunikation, Nahverkehr, Abfallwirtschaft und sogar um Schwimmbäder.
Diese Breite macht Stadtwerke zu echten Akteuren der Transformation.
Denn Nachhaltigkeit heißt hier, alles gleichzeitig mitzudenken – Energie, Mobilität, Ressourcen und Menschen.
2. Klimaneutralität bis 2035 – unser Weg
Unser Ziel ist Netto-Null bis 2035. Das wurde von der Stadt Neumünster beschlossen und wir als Stadtwerke tragen den größten Teil dieser Verantwortung. Denn: Wenn wir nicht klimaneutral sind, ist es keiner unserer Partner in der Stadt. Für mich war das der Startpunkt, unsere gesamte Wertschöpfung zu analysieren, die immerhin über 20 unterschiedliche Bereiche, vom Kraftwerk bis zum Nahverkehr umfasst.
Wir orientieren uns an den Science-Based Targets (SBTi), was 90 Prozent echte Emissionsreduktion und keine Kompensation durch Zertifikate bedeutet. Wir mussten also Prozesse umstellen, neue Technologien einsetzen und Produkte überdenken. Nur die letzten zehn Prozent dürfen neutralisiert werden – etwa über lokale Klimaschutzprojekte. Besonders stolz bin ich auf die Haltung in unserem Team: Viele Kolleginnen und Kollegen sind seit Jahrzehnten im Unternehmen, aber sie bringen mit Begeisterung immer wieder neue Ideen ein.
Diese Mischung aus Erfahrung und Aufbruch macht Stadtwerke besonders stark, wie ich finde.
3. Regionale Kompensation & Moore
In Schleswig-Holstein gibt es viele Moorflächen, die enorme CO₂-Speicherpotenziale haben. Meine Idee war, gemeinsam mit Landwirt:innen und Naturschutzverbänden genau solche Flächen zu renaturieren.
In der Praxis ist das komplexer, als man denkt: Das Land Schleswig-Holstein hat ein Vorkaufsrecht auf alle Moorflächen, um eigene Projekte umzusetzen. Das ist zwar ökologisch sinnvoll, macht Kooperationen allerdings knifflig.
Wir prüfen derzeit, wie wir staatliche Projekte unterstützen können, auch wenn das bilanztechnisch nicht als eigene Kompensation zählt; entscheidend ist hier der ökologische Mehrwert.
Wenn wir helfen können, dass Renaturierungen schneller starten, ist die gelebte Verantwortung.
4. Eigene Energieerzeugung & Biodiversität
Neben Energieeffizienz geht es bei uns um eigene Erzeugung.
Dafür haben wir die SWN Natur GmbH gegründet, um bis 2030 den gesamten Ökostrombedarf unserer Privat- und Gewerbekund:innen aus eigenen Anlagen zu decken.
Wir produzieren dabei Strom aus Photovoltaik und Windkraft und setzen auf Flächen, die doppelt wirken: Energiequelle und Lebensraum.
Mit unserem Biodiversitätskonzept sorgen wir dafür, dass jede PV-Fläche auch einen ökologischen Mehrwert bietet. In Kooperation mit Saatgutbetrieben aus Schleswig-Holstein bepflanzen wir Flächen standortgerecht und schaffen so Rückzugsräume für Insekten und Vögel. Denn von einem bin ich überzeugt: Die Biodiversitätskrise ist mindestens so dringlich wie die Klimakrise!
Wenn jede Energiefläche zugleich Lebensraum ist, gewinnen alle; Klima, Natur und Kommune.
5. Mobilitätswende aus kommunaler Hand
Mobilität ist bei uns ein zentrales Handlungsfeld. Heute sind über 90 Prozent unserer Flotte elektrifiziert – vom Dienstwagen bis zum Müllfahrzeug.
Wir haben früh begonnen, E-Fahrzeuge für Mitarbeitende zu leasen, Lademöglichkeiten bereitzustellen und neue Fahrzeugtypen zu testen.
Auch schwere Fahrzeuge stellen wir um: Unsere E-LKWs fahren Abfälle zur Müllverbrennungsanlage, laden dort während des Entladens und fahren lautlos und emissionsfrei zurück. Das ist leiser, sauberer und effizienter – und zeigt, dass Elektromobilität längst marktreif ist.
Besonders stolz bin ich auf unseren On-Demand-Shuttle „hin&wech“.
Er ersetzt in weniger ausgelasteten Stadtteilen die großen Linienbusse.
Vollelektrisch, barrierefrei und per App oder Telefon bestellbar, bietet es eine nachhaltige, flexible Mobilitätslösung. Für uns ist das auch ein Gleichstellungsthema: Frauen, die häufiger den ÖPNV nutzen, profitieren von sicheren, verlässlichen Verbindungen – auch spätabends.
6. Vom Berichtswesen zur Transformation
Wir waren eines der ersten Stadtwerke, die sich freiwillig auf die CSRD-Berichtspflicht vorbereitet haben – inklusive Wesentlichkeitsanalyse, Datenerhebung und Abstimmung mit Prüfer:innen.
Dann kam der Omnibus-Beschluss, der uns von der Pflicht befreite.
Statt frustriert zu stoppen, haben wir uns aber dazu entschieden, trotzdem freiwillig nach dem VSME-Standard zu berichten. So können wir Erfahrungen ohne gesetzlichen Druck sammeln und gleichzeitig Qualität sichern.
Aktuell erfassen wir rund 85 Datenpunkte, was überschaubar, aber wirksam ist.
Unser Ziel ist, Reporting als Werkzeug für Steuerung zu begreifen, nicht als Bürokratieübung.
7. Ein Appell an Politik und Wirtschaft
Die letzten Monate waren für viele Nachhaltigkeitsmanager:innen ernüchternd.
Förderungen wurden gestrichen, politische Signale schwanken, und die Erzählung „Nachhaltigkeit können wir uns nicht mehr leisten“ macht die Runde.
Mein Appell: Lasst euch nicht entmutigen.
Wir dürfen nicht jedes Mal stoppen, wenn politische Mehrheiten wechseln.
Transformation braucht Stabilität, Mut und Vertrauen in wissenschaftliche Erkenntnisse. Stadtwerke können und wollen diese Rolle übernehmen – als verlässliche Partner für Kommunen, Bürger:innen und Unternehmen.
Ich persönlich wünsche mir klare Rahmenbedingungen, echte Innovationsförderung und einen offenen Blick nach vorn. Nachhaltigkeit ist kein Kostenfaktor, sie ist die Basis für Zukunftsfähigkeit, wirtschaftliche Stärke und gesellschaftlichen Zusammenhalt.




